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Der Pragmatiker des Glaubens„Es war ein Missgriff, aber wir schauen nach vorne“, sagt Robert Zollitsch zu dem Papier der Evangelischen Kirche. Die “Tageszeitung“ (taz) hatte das sechsseitige Schreiben eines hohen evangelischen Kirchenvertreters öffentlich gemacht, in dem unter anderem die Katholische Kirche als „angeschlagener Boxer“ bezeichnet worden war. Und zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz hatte der Autor wenig schmeichelhaft angemerkt, dieser habe „keine prägende Kraft“. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, habe sich für dieses Papier entschuldigt, so Zollitsch im Haus der Geschichte. Außerdem stelle das Papier keine offizielle Beschlusslage dar. „Ich habe die Entschuldigung angenommen.“ Sein Fazit der Angelegenheit: „Wir müssen das Trennende so ansprechen, dass wir uns gegenseitig ins Gesicht schauen können.“ Durchaus selbstkritisch merkt Zollitsch an, dass in den gegenseitigen Analysen die christlichen Kirchen jeweils zu sehr dieses Trennende statt die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund stellten. So verstehe er beispielsweise den Ärger der Protestanten darüber, dass in einem Papstbrief der Evangelischen Kirche attestiert worden sei, „keine richtige Kirche“ zu sein. Seinen eigenen Ärger in dieser Sache benennt Zollitsch zwar mit Worten, aber es gelingt ihm durchweg, jegliche Schärfe aus seiner Stimme zu tilgen. Wer diese anscheinend unerschütterliche Grundhaltung des Kirchenmannes verstehen will, muss in dessen Kindheit zurückgehen. Das Erlebnis der eigenen Deportation und Vertreibung aus dem Gebiet des späteren Jugoslawiens hat den kleinen Robert geprägt. Sechseinhalb Jahre war er alt, als die dort lebenden Donauschwaben gegen Kriegsende in Lager gesperrt wurden, um – wie Zollitsch beschreibt – durch Hunger vernichtet zu werden. „Nachts haben wir im Stroh gelegen und den Rosenkranz gebetet“, erinnert er sich. Das habe an der Situation selbst nichts verändert, ihm aber „Kraft für das Leben“ gegeben und die Überzeugung: „Man darf sich nicht überrollen lassen, nicht aufgeben.“ Noch heute hat Zollitsch nicht verstanden, warum damals sein 16-jähriger Bruder von den Partisanen grausam ermordet wurde. Dennoch fühlt er sich von positiven Kräften getrieben: „Ich habe für meine Person erlebt, wie der Glaube mir immer wieder geholfen hat.“ Dass Zollitsch auf seine freundlich-verbindliche Art eben doch prägende Kraft entwickelt, das beweist er nicht zuletzt an diesem Sonntag. Zum Schluss seines Auftrittes im Haus der Geschichte antwortet er auf eine Zuhörerfrage nach dem starken Einfluss Roms auf die deutschen Bischöfe: „Ich habe nur eine Amtszeit als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz vor mir, weil ich dann die Altersgrenze erreiche. Ich kann also recht unbefangen meine Positionen in Rom vertreten.“ Dabei lacht er ganz entspannt. Wie Zollitsch dies meint, zeigt eine weitere Antwort. Ein Besucher der Zeitzeugengespräche berichtet, dass er als Katholik mit seiner evangelischen Frau im Italien-Urlaub regelmäßig gemeinsam zur Kommunion gehe. Was der Erzbischof tun würde, wenn er wüsste, dass da eine Nicht-Katholikin von ihm die Kommunion empfangen wolle? Die Antwort des Erzbischofes kommt ohne Zögern: „Ich habe noch nie jemandem die Kommunion verweigert.“ Zollitsch gibt sich nicht nur in dieser Frage pragmatisch. Er ist der Meinung, dass leerstehende Kirchen ohne Problem für andere Zwecke benutzt werden können, beispielsweise indem das Gotteshaus an orthodoxe Christen übergeben werde, wie dies bereits in Mannheim geschehen sei. Ein Einschränkung sieht er dennoch: „Wir wollen nicht, dass aus Kirchen Moscheen werden. Das ist psychologisch schwierig.“ Der Dialog mit den Muslimen ist ihm dennoch wichtig, die Atmosphäre entwickele sich positiv: „Wir schreiben uns zum Teil sogar zu Weihnachten bzw. zum Ende des Opferfestes.“ Auf den Priestermangel der Katholischen Kirche reagiert Robert Zollitsch mit der Frage: „Was wollte Gott damit zeigen?“. Seine alltagstaugliche Antwort: Wenn es eben nicht genügend Priester gibt, dann müssen die Laien verstärkt da eingesetzt werden, wo es nicht um Sakramente geht. In den von ihm konzipierten Seelsorgeeinheiten unterstützen verstärkt Gemeinde- und Pastoralreferenten den Pfarrer. So gebe es gute Erfahrungen damit, dass vielerorts die Beerdigungen von Nicht-Priestern übernommen werden. Dem Schwund der Gläubigen tritt der Erzbischof mit einer zeitgemäßen Antwort entgegen. In der Bischofskonferenz drängt er darauf, das Internet noch gezielter für die Zwecke der Katholischen Kirche zu nutzen. „Ein Paulus würde heute im Internet sein“, sagt Zollitsch. Und noch eine Erkenntnis gibt ihm zu denken: „Was nicht in den Medien ist, ist nicht da.“ Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz pflegt intensive Kontakte zur Politik, damit die christlichen Inhalte in den Parteien und der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Und er gibt sich konfliktbereit. Er habe bereits mit der Kanzlerin über das „C“ in der CDU gesprochen. Zollitsch belässt es nicht bei Nettigkeiten. Falls die kommende schwarz-gelbe Koalition eine vollständige Gleichstellung der Homo-Ehe mit der Ehe von Mann und Frau anstrebe, „dann würden wir uns wehren“, erklärt er auf die entsprechende Frage der Moderatorin. Zollitsch würde in diesem Fall auf die Unterstützung der Evangelischen Kirche setzen: „Da würde ich Bischof Huber anrufen und den Schulterschluss suchen.“ Anscheinend ist die Verstimmung tatsächlich schon fast vergessen. Das letzte Gespräch in der diesjährigen Zeitzeugenreihe mit den Landesbischöfen steht am Sonntag, 29. November, an. Ab 11.30 Uhr befragt Susanne Offenbach den Landesbischof von Württemberg, Frank Otfried July, unter dem Motto „Hirten heute: Was wird aus unseren Kirchen?“ |
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