“Fußball war immer mehr als diese 90 Minuten”

Kennen Sie Emilio Walter? Und was hat eine eingetretene Tonne mit Fußball zu tun? In der Ausstellung  “Gefühle, wo man schwer beschreiben kann” zum Fußball im Südwesten zeigt das Haus der Geschichte Baden-Württemberg im WM-Jahr 2010 Objekte, Fotos und Geschichten rund um die "Sportart Nr. 1". Stefan Bergmann sprach mit dem Projektverantwortlichen Dr. Rainer Schimpf. Das Gespräch erschien in der Zeitschrift "im Spiel".

Dr. Rainer Schimpf, der Projektverantwortliche der Fußballausstellung | Foto: Haus der Geschichte

Herr Dr. Schimpf, das Haus der Geschichte steht in der Endphase der Planung für die große Landesausstellung über den Fußball im Südwesten. Warum beschränkt sich die Fußballausstellung im WM-Jahr auf Baden-Württemberg?
Wir sind das Haus der Geschichte Baden-Württemberg, daher ist der Südwesten natürlich unser Thema. Aber es gibt auch viele Geschichten, die weit über die Landesgrenzen hinausreichen. Da sind wir sofort beim Thema Weltmeisterschaften und zum Beispiel bei den afrikanischen Fußballern, die in der Bundesliga spielen. Oder es gab hiesige Spieler, die ihre Karriere in Argentinien fortgesetzt haben. Daran zeigt sich, Fußball ist ein globales Thema und lässt sich nicht auf ein relativ kleines Gebiet eingrenzen. Und Fußballer waren diejenigen, die schön früh reisen und internationale Erfahrungen sammeln konnten. Es gibt das schöne Beispiel der deutschen Nationalmannschaft, in der viele badische Sportler spielten, die 1909 nach England fuhr und sich dort eine katastrophale Niederlage einhandelte. Aber immerhin waren sie auf der Insel gewesen.

Der Titel ist ein Zitat von Jürgen Klinsmann. Inwiefern ist Klinsmann das Zugpferd dieser Ausstellung?
Es gibt ein großartiges Objekt von Klinsmann, das den Ausstellungstitel perfekt auf den Punkt bringt. 1997 hat Klinsmann aus Anlass einer Auswechselung voller Wut in eine Werbetonne getreten. Dieser Tritt steht für die Art und Weise, wie er Fußball lebte - voller Leidenschaft. Das schien uns bestens geeignet, um zu untersuchen, was Fußball so erfolgreich macht. Er ermöglicht es, Gefühle in allen Variationen auszuleben. Das sind nicht nur positive Gefühle, sondern es geht hin bis zu Wut, Hass und - wie in diesen Tagen erlebt - großer Trauer nach dem Freitod von Robert Enke.

Fußballausstellungen gab es ja schon öfter. Was macht diese Ausstellung besonders sehenswert?
Wir richten am Beispiel eines Bundeslandes den Blick darauf, wie wichtig der Fußball für die Menschen ist. Das geht weit über die Weltmeisterschaft oder die Bundesliga hinaus. 3500 Fußballvereine gibt es im Südwesten, rund eine Million Kicker sind in den drei Verbänden organisiert, die Wochenende für Wochenende ihren Sport ausüben. So eine Ausstellung hat es in dieser Form noch nie gegeben. Dazu können wir viele bemerkenswerte Geschichten erzählen.

Zufallsfund: Das private Fotoalbum von Paul Walch, einst Verteidiger des Freiburger FC, zeigt Seite an Seite die fußballerischen Erfolge und die Zerstörungen des Ersten Weltkriegs. | Foto: privat

Können Sie einige Beispiele nennen?
Wir werfen aus Anlass der Weltmeisterschaft zum Beispiel einen genaueren Blick auf die Turniere, in denen Baden-Württemberger eine besondere Rolle gespielt haben. Das fängt an mit 1934, als der Reichstrainer Otto Nerz, ein Trainer aus dem Land, die Mannschaft auf den dritten WM-Platz führte - damals verbunden mit einem erheblichen Propaganda-Erfolg für das Regime. Und das endet mit dem wunderbaren Sommer 2006. Wir hoffen natürlich, dass die Geschichte 2010, erneut mit einem Baden-Württemberger an der Spitze des Teams, gut weitergeht. Darüber hinaus wollen wir 90 besondere Spiele präsentieren und die dazugehörigen Geschichten erzählen. Ein Teil dieser Spiele ist jedem bekannt, andere sind längst in Vergessenheit geraten - zu Unrecht, wie wir glauben.

Volkssport Nummer eins und ernsthafte historische Forschung: Wie passt das zusammen?
Fußball war immer mehr als diese 90 Minuten. Er war immer ein Teil der politischen Geschichte: Nehmen Sie den Ersten Weltkrieg, als die Armeeführung Fußball zur Ablenkung der Soldaten einsetzt. Erst dadurch wird der Fußball richtig populär. Als die Männer nach Hause zurückkehren, bringen sie den Sport mit.

Machen Sie bei den Recherchen auch noch echte Entdeckungen?
Ja. Nur wenige wissen zum Beispiel, dass mit Emilio Walter ein Baden-Württemberger in den 20er Jahren bei Barcelona eine unglaubliche Karriere als Verteidiger gemacht hat. Durch Kontakt zu seiner Familie haben wir jetzt Zugang zu Dokumenten und Gegenständen bekommen, von denen man nichts wusste. Da ist zum Beispiel ein Ring, den ihm der spanische König schenkte, oder ein Erinnerungspokal des Vereins für Walter, als er 1950 noch einmal umjubelt nach Spanien zurückkehrte. Ein echter Zufallsfund ist das private Fotoalbum von Paul Walch, einst Verteidiger des Freiburger FC aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Seite an Seite zeigt es die fußballerischen Erfolge und die Zerstörungen des Krieges, die Walch mit der Kamera festhielt.

Menschen, die ins Stadion gehen, zieht es nicht unbedingt ins Museum. Wie wollen Sie die echten Fans in die Ausstellung bekommen?
Indem wir die Stücke zeigen, die sonst bestenfalls im Fernsehen zu sehen sind. Nur zwei Beispiele: Bei uns gibt es die Tonne, in die Klinsmann trat. Bei uns gibt es die Auszeichnung, die Ottmar Hitzfeld im Jahr 2001 bekam, als er Welttrainer wurde.

Quelle: "im Spiel", 6/2009