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Experten und Laien zollen Georg Elser höchsten Respekt Beim Podiumsgespräch am Donnerstag Abend offenbaren sich die vielen Facetten dieses Einzeltäters: Für Dr. Thomas Schnabel, Leiter des Hauses der Geschichte, war Elser jemand, der ein “klare moralische Peilung” hatte. Aus den Verhörprotokollen der Gestapo, der wichtigsten Quelle zu Elsers Motivation, gehe hervor, dass es zwei Auslöser für seine Tat gegeben habe: die “Unterdrückung der Arbeiterschaft” durch das NS-Regime und vor allem Hitlers Krieg. In “typisch schwäbischer Manier” mit seinen handwerklichen Tüftel-Fähigkeiten habe Elser die Bombe gebastelt und gezündet. “Aber hat er nicht auch Unschuldige getötet?”, fragt Moderator Reinhold Hermanns vom SWR. Das ist ein Dilemma, das auf alle Widerstandkämpfer zutrifft, antwortet Podiumsgast Prof. Dr. Rainer Blasius, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: “Wer eignet sich überhaupt zum uneingeschränkten Vorbild?” Durch Elsers Bombe starben am 8. Novmeber 1939 im Münchner Bürgerbräukeller acht Unschuldige, Stauffenbergs Bombe am 20. Juli 1944 tötete fünf Menschen. Für Manfred Maier vom Georg-Elser-Arbeitskreis ist das Problem der moralischen Berechtigung eines Attentats mit all seinen Folgen ebenfalls nicht zu übersehen: “Dieser Mann ist nicht unantastbar”. Aber für Maier zählt dennoch vor allem eins: “Wir brauchen Leute, die Mut haben aufzustehen.” Elser stehe für den “Widerstand der kleinen Leute”. Reine Helden gab es nicht Dass die Widerstandskämpfer im Laufe der Jahrzehnte in der Geschichtsforschung immer wieder sehr grundsätzlich hinterfragt worden sind, darauf verweist zu Beginn der Tagung Professor Dr. Michael Kißener von der Universität Mainz. So gebe es jüngst erneut kritische Fragen zum militärischen Widerstand. Der Vorwurf: Diese Offiziere hätten zum Teil deutlich früher von den verbrecherischen Vernichtungsaktionen im Osten gewusst als bisher angenommen. Für Kißener überwiegt dennoch gerade der “unglaubliche Mut” der Widerstandskämpfer um Stauffenberg, “den umbringen zu wollen, dem sie zur Stärke verholfen haben”. Widerständler seien “keine reinen Helden” gewesen. Sie hätten sich den Gegebenheiten ihrer Zeit angepasst und lange “mit der Lüge gelebt”. Auf einen wichtige Aspekt, der in vielen Diskussionsbeiträgen immer wieder anklingt, weist Susanne Laugwitz-Aulbach, Kulturamtsleiterin der Stadt Stuttgart, in ihrem Grußwort hin: “Wenn das Attentat gelungen wäre, sähe die Wirklichkeit anders aus.” Einen grundsätzlichen Überblick über die Nachkriegsdeutungen des Elser-Attentats gibt Rainer Blasius. Manche hätten angenommen, Elser sei ein von England gesteuerter Agent gewesen oder ein Mitglied des kommunistischen Widerstands. Andere meinten, es könnte sich auch um einen verärgerten NSDAP-Parteigenossen gehandelt haben oder um einen von Himmler eingesetzten SS-Mann. Auch Hitler selbst könnte seine Finger mit im Spiel gehabt haben, um ein Attentat nur vorzutäuschen - sogar diese These habe es gegeben. Selbst renommierte Wissenschaftler, wie der aus der Emigration zurückgekehrte Tübinger Historiker Hans Rothfels und sein Freiburger Kollege Gerhard Ritter, der selbst Kontakte zum Widerstand hatte, konnten sich nach Darstellung Blasius´ einen Einzeltäter nur schwer vorstellen. “Elser war ein Einzeltäter” Dabei war die Lage nach Ansicht des Journalisten und Historikers schon damals eindeutig. Bereits 1946 bezeichnete der ehemalige Gestapobeamte Hans Bernd Gisevius in seinem Buch »Bis zum bitteren Ende« Elser als Einzeltäter, und er nannte wichtige Argumente, die beispielsweise gegen eine Verbindung zu NSDAP oder SS sprachen: Hätte Himmler den in Gefangenschaft geratenen Elser vorerst am Leben gelassen, wenn der im SS-Auftrag gehandelt hätte? Oder hätte sich Hitler vor eine tickende Zeitbombe gestellt, wenn er davon gewusst hätte? Manfred Maier vom Georg-Elser-Arbeitskreis fügt Einsichten zu Elsers Zielen hinzu. Der Königsbronner sei keineswegs ein unpolitischer Mensch gewesen: Er habe Hitler, Göring und Goebbels beseitigen wollen. Er habe dabei allerdings keine Vorstellung darüber gehabt, wer an deren Stelle treten sollte. Eine wichtige These Maiers: Elser trat allein gegen Hitler an, getrieben von einem starken Gerechtigkeitssinn und seiner klaren moralischen Verurteilung des Systems. Maier dringt darauf, für ein Elser-Denkmal in Königsbronn zu errichten. Dr. Andreas Morgenstern, Wissenschaftler im Haus der Geschichte, beschreibt in seinem Vortrag, welche Rolle die Gestapo bei der Umsetzung der radikalen Ziele des Nationalsozialismus hatte. Die Geheime Staatspolizei ist danach, wie Heidrichs Stellvertreter Werner Best formuliert hat, das Instrument der Partei, „das den politischen Gesundheitszustand des deutschen Volkskörpers sorgfältig überwacht“. Dies sei zunehmend durch “Vernichtung aller Gegner” und die “völkische Flurbereinigung” - ein zynischer Begriff für die Mordaktionen unter Gestapo-Beteiligung während des Krieges im Osten - geschehen. Symposion nur noch alle zwei Jahre? Ein Hinweis in eigener Sache des Hauses der Geschichte wird im Ratssaal ebenfalls diskutiert: der Antrag der CDU-Fraktion für den kommenden Stadthaushalt, das Stuttgarter Symposion aus Gründen der Kostenersparnis nur noch alle zwei Jahre auszurichten. In seiner Einführung nimmt sich Museumsleiter Thomas Schnabel dieses Thema ganz zum Schluss vor. Er hoffe, der Rat werde diesem Antrag nicht folgen. Schon die hohe Zahl der Besucher - an beiden Tagen zusammen rund 500 Interessierte - zeige, welche breite Ausstrahlung diese für Fachleute und Laien gedachte Tagung habe. “Es würde mich sehr freuen, Sie nächstes Jahr wieder hier begrüßen zu können und nicht erst übernächstes Jahr”, sagt Thomas Schnabel. An zweiten Tag des Symposions richtete sich der Blick weg von Elser auf weitere Phänomene des Widerstandes. Prof. Dr. Georg Kreis von der Universität Basel referierte unter dem Titel "Wo das Reich endet - Fluchten, Fluchthilfe und Leben in der Schweiz" über die Versuche von Regimegegnern, in die Schweiz zu gelangen. Wer zu Zeiten des Dritten Reichs sich die Schweiz als Asylort wählte, hatte sehr hohe Hürden zu nehmen. In der Zeit von 1933 bis 1945 schwankt die jährliche Zahl der offiziell anerkannten Asylanten zwischen 119 und 126. Politische Verfolgung aus ideologischen Gründen ist für die Schweiz in diesen Jahren kein Grund, ein Asylrecht zuzuerkennen. Dr. Pia Nordblom von der Universität Mainz berichtete vom Schicksal des elsässischen Lehrers und erfolgreichen Verlegers Joseph Rossé. Dieser publizierte in Deutschland verbotene Literaten, pflegte Kontakte zu Widerständlern des 20. Juli und arbeitete an Plänen mit, die sich auf die Gestaltung der Zeit nach der Nazi-Herrschaft erstreckten. Rossé musste vor den Nazis fliehen und stellte sich dem französischen Militär. Er starb nach einer Verurteilung wegen Kollaboration 1952 in einem französischen Gefängnis. Dem einzigen universitären Widerstand in Südwestdeutschland, dem Freiburger Kreis, widmete sich Prof. Dr. Nils Goldschmidt von der Universität der Bundeswehr in München. “In diesen Kreisen vollzog sich Widerstand im Regime, gegen das Regime und richtete sich der Blick in die Zukunft.” Wurden in den unterschiedlichen Freiburger Kreisen vor allem über solche Werte nachgedacht, die eine Demokratie tragen, so beschäftigte sich die Freiburger Schule - ein Kreis von Ökonomen um Walter Eucken - mit den Grundlagen einer Marktwirtschaft mit sozialem Charakter. Einzelne Mitglieder der Freiburger Kreise wie z.B. Dietrich Bonhoeffer standen in Kontakt mit dem Widerstand des 20. Juli und wurden deshalb ermordet. Die Vorträge des Stuttgarter Symposions 2009 werden in der zugehörigen Schriftenreihe veröffentlicht. Das teilte Dr. Thomas Schnabel mit. |
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