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Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Auf nackter Haut

Ausstellungsbereiche

Eine Geschichte der Unterwäsche seit Beginn der industriellen Produktion

Am Anfang der Ausstellung steht eine Maschinenbau-Innovation, die die Welt der Unterwäsche vor zwei Jahrhunderten revolutionierte: Der Zirkularwirkstuhl ermöglichte die Produktion von elastischen Geweben, die nun kratzige Stoffe ersetzen konnten. Die Erfindung aus Frankreich machte Württemberg und Baden zu Zentren der modernen Textilbranche. Auf der schwäbischen Alb ebenso wie am Bodensee und in Stuttgart entstanden zahlreiche Betrieben, die fortan Unterwäsche und in den 1920er Jahren auch Bademoden produzierten.

Der Zirkularwirkstuhl machte die Massenproduktion von Unterwäsche möglich.
Gewirkte und gestrickte Baumwoll-Unterhemden Ende 19. / frühes 20. Jahrhundert

1875 - 1919: Abhärtungswäsche und Wollregime

Die Diskussion, welches Material und welcher Zuschnitt für die Leibwäsche am gesündesten sei, wurde um 1900 mit Vehemenz geführt - medizinisch und weltanschaulich. Der Stuttgarter Arzt und Zoologe Gustav Jäger verkündete sein "Wollregime" und empfahl reinwollene "tierische" Unterwäsche: "wetterfest, affektfest, seuchenfest". Sein Kollege Heinrich Lahmann trat für locker fallende Trikotwäsche aus Baumwolle ein, die hygienischer, weil besser waschbar, war. Der Heilpraktiker Sebastian Kneipp entschied sich für grobes Leinengewebe. Wilhelm Benger schloss mit Gustav Jäger einen Exklusivvertrag und produzierte dessen wollene Normalkleider in Stuttgart. Jacques Schiesser entwickelte nach Maßgabe des Münchner Hygienikers Max von Pettenkofer eine luftdurchlässige sogenannte Abhärtungswäsche aus Baumwolle.

Werbung und Verkaufskartons aus den 1920er und 1930er Jahren

1919 - 1935: Schlanke Linie und Feinripp

Im Ersten Weltkrieg verlor die Trikotagenindustrie weitgehend ihre Geschäftsfelder im Ausland. Ein Aufschwung nach dem Krieg wurde von der großen Nachfrage im Inland getragen. Die "schlanke Linie" avancierte zum Modeideal und Signet der propagierten "Neuen Frau". Anteil daran hatte nicht zuletzt die beginnende Medialisierung des Alltags durch Modemagazine und Filme. Jugendlichkeit, Sportlichkeit und Berufstätigkeit fanden in knielangen Röcken und Seidenstrümpfen ihren Ausdruck. Zu dem berühmten "Bubikopf", einer Kurzhaarfrisur, und dem gerade fallenden Hemdkleid wurde auch eine neue Wäsche getragen, die den Körper nicht mehr einschnürte, sondern locker umfing.

Gestrickte Frauen-Sportbluse aus Kunstseide von Schiesser; um 1937

1935 - 1947: Braunhemd und Kunstseidenbluse

Die nationalsozialistische Regierung zwang den beschäftigungsreichsten deutschen Industriezweig vor allem aufgrund fehlender Devisen dazu, seine Importe von Wolle und Baumwolle einzuschränken und diese durch Kunstseide und Zellwolle zu ersetzen. Überwachungsstellen des Reichswirtschaftsministers regelten neben der Produktion auch die Verteilung, Lagerung und den Verbrauch der Textilien. Sie wurden nun bevorzugt Parteiorganisationen wie SA, SS, Reichsarbeitsdienst und Wehrmacht zur Verfügung gestellt. Mit Kriegsbeginn 1939 wurde im Zeichen der Mangelwirtschaft die Reichskleiderkarte eingeführt.

Die Frauenunterwäsche wird bunt - die Herren dagegen bleiben beim konservativ-weißen Doppelripp.

1947 - 1967: Perlonwäsche und Miedergarderobe

Nach den Entbehrungen des Krieges und der ersten Nachkriegsjahre wollten sich die Menschen wieder modisch und gepflegt fühlen, wozu neue, pflegeleichte Wäsche gehörte. Die feminine und figurbetonte Damenmode der Nachkriegszeit und der Wirtschaftswunderjahre verhalf den Wäscheherstellern zu hohen Umsätzen. Formende Unterwäsche gehörte selbstverständlich zur Garderobe. Die neuen synthetischen Fasern Perlon und Elastan erlaubten neue Schnitte und ermöglichten eine ausdifferenzierte Modellpalette bei Unter- und Nachtwäsche. Der vielfältigen Damenwäsche stand die konservative Herrenwäsche in Feinripp und der neuen Doppelripp-Qualität gegenüber.

Mal leger, mal sexy, mal bunt: Aus Unterwäsche wird Bodywear. (Fotos: Haus der Geschichte / Sacha Dauphin 5, Bernd Eidenmüller, Noshe)

1968 - 2005: Softmieder und Bodywear

Die zunehmende Ausdifferenzierung der Gesellschaft und der Lebensstile beeinflusste ab den späten 1960er Jahren die Mode. Gesellschaftliche Konventionen verloren an Bedeutung. Schiesser reagierte mit legerer und bunter Wäsche und der Ausweitung der Produktpalette auf Oberkleidung. Ab den 1980er Jahren kam der Wäsche mit der Ästhetisierung und Sexualisierung des Körpers eine zentrale Rolle zu. Qualität allein garantierte nicht mehr den Verkaufserfolg, den bestimmte jetzt zunehmend das Image einer Marke. Aus Unterwäsche und körpernaher Kleidung wurde in den 1990er Jahren Bodywear, weil eine Unterscheidung in Unter- oder Oberbekleidung immer schwerer fiel.