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Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Auf nackter Haut

Pressetexte

Auf nackter Haut - Leib. Wäsche. Träume.

Pressemitteilung

Stuttgart (hdgbw) - Unterwäsche ist mehr als ein Kleidungsstück: Was Textilien aus drei Jahrhunderten über gesellschaftliche Trends, Moden und technische Erfindungen ihrer Zeit sagen, davon handelt die Sonderausstellung "Auf nackter Haut - Leib. Wäsche. Träume." im Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Vom 22. Mai 2015 bis zum 31. Januar 2016 ist in dem Stuttgarter Museum ein Exkurs in die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des deutschen Südwestens zu sehen.

"Eine Zeit und eine Gesellschaft spiegeln sich nicht nur in großen Staatsaktionen. Manchmal verrät der Blick darunter mehr über die jeweilige Epoche, wie unsere Ausstellung eindrucksvoll zeigt", sagte Museumsleiter Dr. Thomas Schnabel bei der Eröffnungspressekonferenz.

Und wie wer zur Unterwäsche stand und steht, ist immer auch eine Frage des Blickwinkels. "Die Ausstellung blickt auf das Thema vor allem aus der Perspektive beider Geschlechter, aber auch aus der unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen", beschrieb Ausstellungsleiterin Prof. Dr. Paula Lutum-Lenger das Konzept. Frühe Büstenhalter, klassischer Feinripp, reizvolle Spitze: Die Wäschestücke und Bademoden werden in der Ausstellung wie in einem großen Schaufenster in die Vergangenheit präsentiert. Sie erzählen von Lebensreformbewegungen und Körperidealen, von Geschlechterrollen und Moralvorstellungen. Filmausschnitte zeigen, wie die intime Hülle Film und Werbung eroberte: Träume und Inszenierungen - ob athletisch-heroisch wie in Leni Riefenstahls Sequenzen aus der NS-Zeit oder erotisch wie etwa in Rolf Thieles "Das Mädchen Rosemarie".

Vor allem Objekte aus den Produktarchiven der Hersteller Schiesser und Wilhelm Benger Söhne ermöglichen einen Überblick über all das, was meistens nicht sichtbar war und ist. Nachdem Schiesser 2009 Insolvenz beantragt hatte, gab der Insolvenzverwalter die komplette Musterkollektion der Traditionsfirma mit weit über 5000 Wäschestücken aus 135 Jahren als Leihgabe ans Haus der Geschichte. "Das Unternehmen entwickelte sich wieder günstig, und das Wäschearchiv konnte als Ganzes erhalten werden", blickte Paula Lutum-Lenger zurück auf den ersten Schritt hin zur Ausstellung.

Der Radolfzeller Wäscheproduzent war ein zentraler Bestandteil einer einst boomenden Maschenindustrie. "Mehr als 100 Jahre prägte die Textil- und Bekleidungsindustrie in Baden, Württemberg und Hohenzollern die wirtschaftliche Entwicklung", erklärte Thomas Schnabel. "Erst in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde sie vom Maschinen- und Fahrzeugbau abgelöst. Heute spielt sie bei Umsatz und Beschäftigung nur noch eine vergleichsweise geringe Rolle."

Aus den Maschinen kam im Lauf der Jahrzehnte auch manches, was aus heutiger Sicht kurios wirkt. Etwa Untertrikotagen für Frauen mit taschenartigen Einsätze für die Brüste, rosa Männerunterhosen, Badeanzüge aus Wolle, Wäsche aus Papier oder schweißtreibenden Kunststoffen. Die Ausstellung birgt so manche Überraschung.

Weitere Informationen zur Ausstellung: www.auf-nackter-haut.de

Daten

Dauer: 22. Mai 2015 bis 31. Januar 2016 (255 Tage)
Vorbereitungszeit: ca. 3 Jahre
Zahl der Exponate: 418
Ältestes Exponat: Gewirktes Herren-Unterhemd; Baumwolle; Schiesser; um 1884
Jüngstes Exponat: Garnitur "Greta" für Damen; Baumwolle; Schiesser; 2015
Ausstellungsfläche: 500 Quadratmeter
Leihgeber: Schiesser AG, Radolfzell; Maute Benger GmbH, Stuttgart; Triumph International AG, Heubach; Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Stuttgart
Kosten: 350.000 Euro
Ausstellungsleitung: Prof. Dr. Paula Lutum-Lenger
Kuratoren: Kerstin Hopfensitz, Dr. Immo Wagner-Douglas
Ausstellungsarchitektur: Hans Dieter Schaal, Attenweiler
Gestaltung: simone leitenberger _ konzept und gestaltung, Reutlingen
Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Do bis 21 Uhr
Eintritt: Erwachsene 3 Euro (ermäßigt 1,50 Euro), Kinder u. Schüler frei
Katalog: 178 Seiten; Preis 24,90 Euro
Internet: www.auf-nackter-haut.de

150 Jahre Unterwäsche-Produktion - Ein kurzer Abriss

Die Sonderausstellung im Haus der Geschichte Baden-Württemberg zeigt eine Geschichte des Körpererlebens seit dem Beginn der industriellen Produktion von Unterwäsche in Württemberg und Baden vor rund 150 Jahren. Die entscheidende Maschine für die Fertigung der Textilien in großen Stückzahlen war der Anfang des 19. Jahrhunderts in Frankreich erfundene und stetig verbesserte sogenannte Rundwirkstuhl.

Um 1900 war das "Drunter" - lange, einfarbige, teilweise verzierte Trikots und Unterhosen - zwar noch lange kein Gegenstand öffentlicher Zurschaustellung. Aber intensiv diskutiert wurde damals über gesunde Leibwäsche. Sowohl medizinisch als auch weltanschaulich: wetter- und seuchenfeste Wolle, locker fallende Leinen oder atmungsaktive Abhärtungswäsche?

Zum Modeobjekt entwickelte sich Unterwäsche in den 1920er Jahren: Filme und Magazine verbreiteten das Idealbild der schlanken Linie, von Jugendlichkeit und Sportlichkeit. Die weibliche Unterkleidung wurde reizvoller. Schlank und sportlich ging es auch im nächsten Jahrzehnt weiter - allerdings im Gleichschritt. Die Nationalsozialisten bestimmten industrielle Trends zentral: Wettkampfmode und, aus Rohstoffmangel, chemisch hergestellte Viskose.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verhalf eine feminine und figurbetonte Damenmode in der Wirtschaftswunderzeit den Wäscheherstellern zu hohen Umsätzen. Bevor allerdings die Herren begannen, sich vom eintönigen weißen Fein- und Doppelripp zu verabschieden, verging noch mehr als ein Jahrzehnt. Farbig wurden ihre Unterhosen in den späten 1960er Jahren. Modische Schnitte folgten erst in den 1980ern.

Die Frauen gingen in dem Jahrzehnt deutlich weiter. Die attraktiven "Biester" in Fernsehserien wie "Dallas" und "Denver" animierten zu regem Absatz hochwertiger Dessous. Und nach dem Vorbild der Videos von Madonna und anderer Popstars wurde Unterwäsche fortan auch öffentlich getragen - als Teil der Oberbekleidung.