|
|
||
Der 20. Juli aus der Perspektive eines zehnjährigen JungenBerthold Schenk Graf von Stauffenberg schildert seine Sicht der Jahre 1944/1945 Stuttgart (hdgbw) – Fast 700 Interessierte waren am Samstag, 12. November 2011, zur 5. Stauffenberg-Gedächtnisvorlesung gekommen. Sie wollten Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, den ältesten Sohn des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg, hören und sehen. „Natürlich habe ich der Propaganda geglaubt, auch an den Endsieg, und wurde überhaupt mehr oder weniger zu einem kleinen Nazi.“ So beschrieb Graf Stauffenberg seine Sicht des Jahres 1944. Er habe keine Ahnung gehabt, was sein Vater und andere geplant hätten – unter Mitwisserschaft seiner Mutter. Und aus guten Gründen hätten die Verschwörer des 20. Juli ihre Pläne in der damals herrschenden Atmosphäre des „Flüsterns und Misstrauens“ vor ihrem Nachwuchs verheimlicht: „Ich habe erlebt, wie sogar die Jüngsten durch eine geschickte Mischung aus Propaganda, Erlebnisse und dabei ständige Drohung zu einen willfährigen Teil der Maschinerie gemacht werden konnten.“ Die Familie Stauffenberg lebte damals in Bamberg und fuhr Mitte Juli 1944 in die Sommerferien auf das Gut der väterlichen Großmutter nach Lautlingen. Dort hörten der Zehnjährige und seine Geschwister am 21. Juli aus dem Radio von dem Umsturzversuch, den die NS-Propaganda als „verbrecherischen Anschlag auf den Führer“ brandmarkte. Es dauerte noch einen Tag, bis Berthold von seiner Mutter erfuhr, dass sein geliebter und verehrter Vater die Bombe gelegt hatte. „Auf meine Frage, warum er den Führer töten wollte, sagte sie, er habe geglaubt, es für Deutschland tun zu müssen.“ Für den Jungen brach eine Welt zusammen. Er konnte sein Erleben des Vaters und dessen Autorität nicht zusammenbringen mit dem Bild des Verräters, das vom NS-Regime gezeichnet wurde. „Ich glaube, ich bin bis zum Frühjahr 1945 nie mehr richtig zu klarem Denken gekommen.“ Die Erwachsenen der Familie wurden verhaftet, und die Kinder blieben unter Aufsicht der Gestapo allein zurück, um nach einigen Umwegen schließlich in ein Kinderheim nach Bad Sachsa in den Südharz gebracht zu werden. Dort waren auch die Kinder weiterer Widerständler einquartiert. Berthold, seine acht und sechs Jahre alten Brüder sowie die dreieinhalb Jahre alte Schwester bleiben bis kurz nach Kriegsende in Bad Sachsa. Erstaunlicherweise betrachtet Berthold von Stauffenberg diese Phase der Isolation - kein Kontakt zur Außenwelt, kein Radio, keine Zeitung - als eine Zeit, die er nicht missen wolle, weil sie ihn geprägt habe. Die Behandlung durch das Personal sei zudem „ausgesprochen freundlich“ gewesen. Der Generalmajor a.D. Stauffenberg bemühte sich überhaupt aufzuzeigen, dass er keineswegs die Perspektive des Historikers einzunehmen gedenke. Er und seine Familie hätten sich immer daran gehalten, sich nicht wertend oder interpretierend zum Thema Widerstand zu äußern. Insofern wunderte sich Stauffenberg auch, dass seine Sicht für die Gedächtnisvorlesung gefragt sei. Das Dritte Reich sei bereits eine sehr ferne Zeit und er selbst kein Zeitzeuge im eigentlichen Sinn. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte zum Auftakt der Veranstaltung in seinem Grußwort die Bedeutung des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944 hervorgehoben: Für den demokratischen Neuanfang sei es außerordentlich wichtig gewesen, dass es auch ein anderes Deutschland gegeben habe – und damit Männer und Frauen, die aufgrund eine Gewissensentscheidung ihr Leben riskierten. General a.D. Wolfgang Schneiderhan, erster Vorsitzender der Stauffenberg-Gesellschaft, freute sich über den starken Zulauf für die fünfte Stauffenberg-Gedächtnisvorlesung und das Interesse am Thema Widerstand insgesamt. Diese Veranstaltung sei ein „Leuchtturm“. Schneiderhan regte an, im Südwesten weitere Schulen nach Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu benennen. Bisher seien es nur drei. |
|
|