Vorkämpfer des Rechtsstaates - Brüder und Schicksalsgenossen: Claus Graf Stauffenberg (rechts) und sein älterer Bruder Berthold, um 1925 | Foto: Privat / Haus der Geschichte
Als Demokraten im heutigen Sinne kann man Claus Graf Stauffenberg und seinen älteren Bruder Berthold sicher nicht bezeichnen. Dafür sind sie zu sehr ihrer adeligen Herkunft verpflichtet, obwohl beide im recht liberalen Klima des württembergischen Königshofes in Stuttgart aufwachsen. Aber durch den Akt des Widerstandes gegen das Nazi-Regime, den sie mit ihrem Leben bezahlen, formulieren sie einen hohen, letztlich demokratienahen Anspruch: Nur ein Staat, der das Recht respektiert, ist ein guter Staat.  - Die gräfliche Familie Stauffenberg 1917 im Schlosspark in Lautlingen: sitzend Claus; rechts Berthold, links Alexander | Foto: Privat / Haus der Geschichte
Aus altem süddeutschen Adel Am 15. November 1907 wird Claus Graf Stauffenberg als dritter Sohn des königlich württembergischen Hofmarschalls Alfred Graf Stauffenberg geboren. Die Mutter Caroline, eine Hofdame und Freundin der Königin, stammt ebenso wie der Vater aus einer alten adeligen Familie.
 - Der Meister und seine Jünger: Dichter Stefan George im November 1924 mit Claus (Mitte) und Berthold Graf Stauffenberg | Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin
Im Banne des Dichters Von 1916 bis 1926 besucht Claus das Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasium. Prägend wirkt der Kontakt zum Dichter Stefan George, der Claus 1923 in den Kreis seiner engsten Vertrauten aufnimmt. George schwört seine Anhänger auf ein "Neues Reich des Geistes" ein, das von einer Führungselite geprägt werden soll. So erklärt sich die anfängliche Zustimmung von Claus für die Nationalsozialismus - aber auch seine Enttäuschung, als klar wird, dass Hitlers Regime einen verbrecherischen Charakter hat.  - Am 26. September 1933 heiratet der junge Offizier Claus Graf Stauffenberg in Bamberg die evangelische Freiin Nina von Lerchenfeld. Die Braut stammt aus altem bayerischen Adel. Zur katholischen Trauung trägt der Bräutigam Uniform mit Stahlhelm und Ehrensäbel. | Foto: Privat / Haus der Geschichte
Karriere als Offizier Nach dem Abitur schlägt Claus Graf Stauffenberg eine Offizierslaufbahn bei der Kavallerie ein. 1933 heiratet er Nina Freiin von Lerchenfeld. Von 1936 bis 1938 erhält der junge Graf in Berlin eine zweijährige Generalstabsausbildung an der Kriegsakademie. Als Generalstabsoffizier sorgt er bei einer motorisierten Division während des Einmarsches in die sudetendeutschen Gebiete, beim deutschen Überfall auf Polen und beim Feldzug gegen Frankreich für den Nachschub.
 - In den 1930er-Jahren zeigt sich Claus Graf Stauffenberg dem Nationalsozialismus gegenüber vielfach unkritisch. Das Foto zeigt ihn um 1930. | Foto: Privat / Haus der Geschichte
Anhänger einer Ständegesellschaft Während der 30er-Jahre zeigt sich Claus Graf Stauffenberg der NS-Diktatur gegenüber vielfach unkritisch. Die Judenverfolgung in Deutschland hinterfragt er zunächst nicht grundsätzlich. Als staatliches Ideal schwebt ihm eine Ständegesellschaft vor, die auf Parteien verzichtet. Dies wird noch 1943 in politischen Leitsätzen deutlich, die er zusammen mit seinem Bruder Berthold und einem befreundeten Professor beim Genesungsurlaub in Lautlingen erarbeitet.
 - Soldat und Kritiker: Während er militärische Karriere macht, wandelt sich Claus Graf Stauffenberg zum Gegner des NS-Regimes. Das Foto zeigt ihn 1942 mit seinem Freund Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim. | Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin
Der Wandel zum Gegner Aufgrund seiner organisatorischen Fähigkeiten wird Claus Graf Stauffenberg 1940 ins Oberkommando des Heeres versetzt. Schritt für Schritt entfernt er sich zugleich von seiner anfänglichen Begeisterung für das Dritte Reich. Schlüsseljahr wird 1942: Informationen über den systematischen Judenmord, das brutale Vorgehen der Deutschen gegen die sowjetische Zivilbevölkerung und die Tatsache, dass Hitler die Kriegslage völlig unrealistisch einschätzt, irritieren Claus Graf Stauffenberg zutiefst. Er entscheidet sich zum Widerstand.
 - Genesungsurlaub in Lautlingen: Nach seiner schweren Verwundung in Afrika erholt sich Claus Graf Stauffenberg 1943 im Kreise seiner Kinder sowie der seines Bruders Berthold. | Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin
Schwere Verwundung in Afrika Das Jahr 1943 wird für Stauffenberg zur Prüfung: Er wird nach Afrika versetzt und verliert dort wenige Wochen nach seiner Ankunft bei einem Tieffliegerangriff seine rechte Hand, zwei weitere Finger und das linke Auge. Im Sommer 1943 erholt er sich in Albstadt-Lautlingen von seinen schweren Verletzungen. Er nutzt diese Zeit auch, um grundsätzliche Überlegungen über Staat und Gesellschaft anzustellen.  - Der Offizier Claus Graf Stauffenberg im Profil | Foto: Privat / Haus der Geschichte
Aktiv im Widerstand Nachdem Claus wieder genesen ist, führt ihn sein Bruder Berthold Graf Stauffenberg in Berlin in militärische und zivile Widerstandskreise ein. Zusammen mit Henning von Tresckow arbeiten die beiden Brüder die so genannten Walküre-Befehle, ursprünglich gedacht für innere Unruhen, für den geplanten Umsturz um.
 - Im Führerhauptquartier "Wolfsschanze": Claus Graf Stauffenberg mit Adolf Hitler | Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin
Abrechnung mit dem Regime Stauffenberg ist es wichtig, nicht nur den Diktator zu töten, sondern das gesamte Regime zu stürzen. Er setzt sich dafür ein, dass in der Umsturzbewegung möglichst viele gesellschaftliche Gruppen bis hin zur Sozialdemokratie vertreten sind. Dafür ist er bereit, politische Kompromisse bei den Planungen für eine Zeit nach dem Nationalsozialismus einzugehen.
 - Hitler besichtigt zusammen mit dem italienischen Diktator Benito Mussolini den Ort des Bombenanschlages vom 20. Juli. | Foto: Bundesarchiv Berlin Bild 146-1969-071A-03
Das gescheiterte Attentat Nach einer Beförderung erhält Claus Graf Stauffenberg Zugang zu Hitler. Er übernimmt die Aufgabe, eine Bombe im Führerhauptquartier zu zünden, um Hitler zu töten. Am 20. Juli 1944 führt der Graf das Attentat aus und kehrt nach Berlin zurück. Dort treibt er energisch den Umsturzversuch voran, dessen Scheitern er jedoch nicht verhindern kann, denn Hitler hat überlebt. Im Bendlerblock verhaftet, wird Stauffenberg noch in der Nacht standrechtlich erschossen. Symbolfigur des Widerstands Die erste Deutung des von Stauffenberg verübten Hitler-Attentats stammt von den Nazis selbst: Sie sprechen kurz nach dem 20. Juli von "einem ganz kleinen Klüngel verbrecherischer Elemente", der "jetzt umbarmherzig ausgerottet" werde. Noch lange gilt der Graf vielen Deutschen als Vaterlandsverräter. Heute steht er stellvertretend für den gesamten Widerstand gegen die NS-Diktatur.  - Ländliche Idylle: Berthold Graf Stauffenberg (mit Hut), sein Zwillingsbruder Alexander (auf dem Kutschbock) sowie der jüngere Bruder Claus im Jahre 1917 | Foto: Privat / Haus der Geschichte
Im Schatten des jüngeren Bruders Am 15. März 1905 wird Berthold Graf Stauffenberg als Zwillingsbruder Alexanders Graf Stauffenberg in Stuttgart geboren. Sie sind Söhne des königlich württembergischen Stallmeisters Alfred Graf Stauffenberg. Die Mutter Caroline, eine Hofdame und Freundin der Königin, stammt ebenso wie der Vater aus einer alten adeligen Familie. Obwohl Berthold es sein wird, der Claus Graf Stauffenberg in den engeren Kreis der Verschwörer des 20. Juli einführt, steht er sein Leben lang und auch über seinen Tod hinaus im Schatten des Hitler-Attentäters.  - Familienkonzert: Die Brüder Berthold (Violine), Claus (Cello) und Alexander (am Klavier) musizieren gemeinsam | Foto: Privat / Haus der Geschichte
Humanistische Bildung Seine Kindheit verbringt Berthold überwiegend in der elterlichen Dienstwohnung im Stuttgarter Alten Schloss und auf dem Landsitz der Familie in Albstadt-Lautlingen. Von 1913 bis 1923 besuchen Berthold Graf Stauffenberg und sein Zwillingsbruder Alexander das humanistisch ausgerichtete Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasium und legen dort das Abitur ab. Ebenso wie sein Bruder Claus wird Berthold einer der Vertrauten des Dichters Stefan George.  - In diesem Turm des Familienanwesens in Albstadt-Lautlingen bereitet sich Berthold Graf Stauffenberg auf sein Staatsexamen vor. | Foto: Privat / Haus der Geschichte
Auf dem Weg zum Juristen Sein Jurastudium führt Berthold von Stauffenberg in den Jahren 1923 bis 1927 an die Universitäten Heidelberg, Jena, Tübingen, Berlin und München. In Tübingen legt er schließlich das erste juristische Staatsexamen ab - als Zweitbester seines Jahrgangs.
 - Berthold Graf Stauffenberg und seine spätere Frau Maria Classen ("Mika") Ende der 20er-Jahre | Foto: Privat / Haus der Geschichte
Völkerrechtler statt Diplomat Während der Referendarausbildung 1927/ 28 schreibt Berthold Graf Stauffenberg bei Prof. Heinrich Pohl in Tübingen seine Doktorarbeit in Völkerrecht. Thema: "Russische Handelsvertretungen - Eine Studie zum Internationalen Recht". Eigentlich will er Diplomat werden, aber diese Pläne zerschlagen sich. Daher arbeitet der Jurist ab März 1929 in Berlin am Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht.
 - Der Internationale Gerichtshof in Den Haag
Karrieresprung nach Den Haag Im Jahr 1931 wechselt Berthold Graf Stauffenberg in die Verwaltung des Ständigen Internationalen Gerichtshofs in Den Haag - ein beachtlicher Karrieresprung für den jungen Juristen. Er ist allerdings auch besonders gut für diesen Posten gewappnet, weil er fließend Englisch, Französisch, Italienisch und Russisch spricht.  - Am 20. Juni 1936 heiratet Berthold Graf Stauffenberg in Berlin seine langjährige Freundin Maria Classen. | Foto: Privat / Haus der Geschichte
Beruflicher und privater Erfolg In Den Haag verfasst Berthold Graf Stauffenberg seine umfassendste juristische Arbeit, und zwar einen Kommentar zur Verfahrensordnung des Internationalen Gerichtshofes. Diese Veröffentlichung findet national und international hohe Anerkennung. Nach dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund kehrt Berthold nach Berlin zurück ans Kaiser-Wilhelm-Institut. 1936 heiratet er seine langjährige Freundin Maria Classen.
 - Berthold Graf Stauffenberg 1940 als juristischer Berater des Oberkommandos der Marine | Foto: Privat / Haus der Geschichte
Berater der Marine Als der Krieg ausbricht, wird Berthold Graf Stauffenberg, der sich inzwischen zum Experten für Seekriegsrecht entwickelt hat, als völkerrechtlicher Berater ins Oberkommando der Marine berufen. In Berlin lernt er unter anderem den Juristen und Regimegegner Helmuth James Graf von Moltke kennen.
 - Wer darf wen angreifen? Für solche Fragen ist Berthold Graf Stauffenberg Experte. Das Foto zeigt ein deutsches U-Boot. | Foto: Bundesarchiv, DVM 10 Bild-23-63-65
Der Mahner pocht auf das Recht Ähnlich wie Graf Moltke im Oberkommando der Wehrmacht versucht Berthold Graf Stauffenberg, die Marineführung für im deutschen Namen begangene Völkerrechtsverstöße zu sensibilisieren. Seine Hinweise führen in mehreren Fällen dazu, dass Unrecht verhindert wird. Dennoch: Stauffenberg ist entsetzt darüber, dass das Regime auch offen verbrecherische Befehle gibt - wie beispielsweise die Anordnung, Franzosen in der britischen Armee als Freischärler standrechtlich zu erschießen.  - Der Bendler-Block, heute Sitz des Bundesverteidigungsministeriums, dient 1944 den Widerständlern als organisatorisches Zentrum.
Im Zentrum des Umsturzes Als es ernst wird mit den Attentatsplänen, gehört Berthold Graf Stauffenberg zum Kern der Widerstandkämpfer. Seine Aufgabe: den Umsturz juristisch vorbereiten. Es geht darum, die vollziehende Gewalt an die Widerständler zu übertragen. Zudem dokumentiert Berthold Rechtsverletzungen der deutschen Truppen. Am 20. Juli, dem Tag des Hitler-Attentates, befindet er sich im Bendler-Block, dem organisatorischen Zentrum des Umsturzversuches.  - Der so genannte Volksgerichtshof verurteilt Berthold Graf Stauffenberg am 10. August 1944 zum Tod. | Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin
Tod durch den Strang Nach dem Scheitern des Umsturzversuches kommt Berthold Graf Stauffenberg zusammen mit anderen Verschwörern ins Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin. Dort muss der 39-Jährige eine dreiwöchige Haft mit Verhören und Folter ertragen. Am 10. August 1944 verurteilt der Präsident des so genannten Volksgerichtshofes, Roland Freisler, ihn zum Tod durch den Strang. Das Urteil wird am selben Tag in Plötzensee vollstreckt. |
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