Wie Neubürger und Alteingesessene zueinander fanden

Große Landesausstellung "Ihr und Wir. Integration der Heimatvertriebenen in Baden-Württemberg"

Kein Bollerwagen, kein Rucksack, kein Lager: Mit der Großen Landesausstellung "Ihr und Wir. Integration der Heimatvertriebenen in Baden-Württemberg" geht das Haus der Geschichte bewusst  neue Wege. Nicht der Leidensweg von Flucht und Vertreibung steht im Vordergrund, sondern das Ankommen der Menschen in der neuen Heimat.

Mehr als 1,5 Millionen Heimatvertriebene und Flüchtlinge kamen nach dem Zweiten Weltkrieg in den deutschen Südwesten. Für die Neubürger war es ein enormer Kraftakt, sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden und dauerhaft Fuß zu fassen. Und für die Alteingesessenen war es eine beispiellose Herausforderung, in harten Nachkriegszeiten die zahlreichen Entwurzelten aufzunehmen. Welten prallten aufeinander. Wie sich aus diesen beiden Teilgruppen dennoch eine neue Gesellschaft formte, das beschreibt die Ausstellung "Ihr und Wir. Integration der Heimatvertriebenen in Baden-Württemberg" im Haus der Geschichte Baden-Württemberg. "Wir wollen nicht den ungezählten Ausstellungen zu Flucht und Vertreibung mit den immer wieder gleichen Bildern und Exponaten eine weitere hinzufügen", sagt Paula Lutum-Lenger, Ausstellungsleiterin des Museums zum wissenschaftlichen Ansatz. “Uns interessiert statt dessen: Wie ging das weiter?” Schon wenige Monate nach der Ankunft der Flüchtlinge habe beispielsweise Pfarrer Heinrich Magnani in Hettingen mit Lehmziegeln eine neue Siedlung für die Vertriebenen gebaut. Der Architekt war Egon Eiermann.

Am Anfang stand der Konflikt

Mit seiner Weitsicht und Tatkraft war der Kirchenmann im Nordbadischen seiner Zeit voraus, ansonsten war der Anfang mühsam. “Das Gelingen könnt Ihr nur zusammen mit den Neuangekommenen zustande bringen. Die Bewältigung dieser Aufgabe ist ein Teil unseres neuen Aufbaus.” Eine Mischung aus Appell und Befehl steckte in den Worten von Theodor Eschenburg, der 1946 als Landeskommissar für das Flüchtlingswesen in Württemberg-Hohenzollern in einem Merkblatt die Bewohner ansprach. Dem späteren Universitätslehrer und Publizisten Eschenburg war offenbar klar, wie schwer dieser gemeinsame Aufbau werden würde. Denn die Probleme waren allzu deutlich und in vielen Bereichen Konflikte somit vorprogrammiert: durch das Aufeinandertreffen verschiedener Konfessionen und unterschiedlicher kultureller Traditionen, durch die Zwangseinweisung Vertriebener in Häuser und Wohnungen oder durch die Konkurrenz um Chancen und Arbeitsplätze. Willy Bettinger, ebenfalls Flüchtlingskommissar, beschrieb 1947 in einer Radiosendung die Lage der Neubürger, die in Privatwohnungen eingewiesen worden waren,  so: "Sie dürfen keine Besucher empfangen ... sie dürfen nicht singen ...  Sie dürfen nicht, sie dürfen nicht!  Dürfen sie überhaupt leben?" Die Einheimischen hielten dagegen und beschwerten sich über die Vertriebenen: "Sie laufen den ganzen Tag wie beleidigt herum, und nichts ist ihnen recht." Gelegentlich kam es sogar zu Handgreiflichkeiten. Laut einer Pressemeldung vom April 1948 verprügelte ein Ulmer Bürger eine Flüchtlingsfrau, die bei ihm wohnte. Erst der Bau neuer Siedlungen entschärfte das Problem.

Erfolge im Kleinen

Eine Gemeinde wächst zusammen: Die 1957 eingeweihte neue Nürtinger Kirche verfügt über ein Vordach. Dort können die Katholiken nach dem Gottesdienst miteinander sprechen, so wie es die Heimatvertriebenen als Tradition mitgebracht hatten. Foto: Haus der Geschichte / Christopher Dowe

War noch 1961 jeder fünfte Baden-Württemberger ein Vertriebener oder ein Flüchtling, so ist  die Integration der Heimatvertriebenen als Besonderheit der Landesgeschichte heute weitgehend aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden. Die Ausstellung "Ihr und Wir" zeigt auf, wo und wie Vertriebene und Alteingesessene aufeinander trafen. Beispiele für solche Begegnungsfelder sind neben dem Wohnen die politische Partizipation, die Arbeitswelt, die Familie, die Vereine oder die Kirchen. In den insgesamt 28 Ausstellungsvitrinen werden diese zunächst theoretischen Begriffe in lebendige Geschichten übersetzt. Diese machen deutlich, wie sich der Südwesten durch die Neubürger veränderte.

Der in Oberschlesien geborene Handballer Bernhard Kempa (li.) damals ... (Foto: Privat)
... und heute (mit Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger) bei der Eröffnung der Ausstellung "Ihr und Wir" (Foto: Haus der Geschichte / Franziska Kraufmann)

Ein Beispiel ist die Erfolgsgeschichte des 1920 im oberschlesischen Oppeln geborenen Handballers Bernhard Kempa. Mit Kempa als Spieler und Trainer erlebte das Team von Frisch auf Göppingen einen ungeahnten Aufstieg bis hin zum Gewinn des Europapokals im Jahre 1960. Unspektakulär, aber dennoch bemerkenswert ist eine Begebenheit aus Nürtingen: Dort blieben viele katholische Heimatvertriebene nach dem Gottesdienst zum Gespräch vor der Kirche beisammen. Die Einheimischen hatten für diese Art von Gemeindeleben zunächst wenig Verständnis. Als im Jahr 1957 aber die neue Nürtinger Kirche eingeweiht wurde, befand sich an der Kirchenfront ein langes Vordach. Zuvor hatte das Neubauprojekt, zum guten Teil von den Gemeindemitgliedern durch Spenden finanziert, die bunt zusammengewürfelten Nürtinger Katholiken einander näher gebracht. Heute ist klar: Im Ergebnis war der langwierige und schwere Prozess der Integration erfolgreich. Trotz Konflikten um Wohnraum, Arbeit und Chancen, trotz unterschiedlicher kultureller Traditionen fanden Alteingesessene und Neubürger allmählich zusammen.

Identitäten wandeln sich

Integration durch Siedlungsbau: In der Karlsruher Waldstadt siedelten sich Menschen verschiedenster Herkunft an. Wer Vertriebener ist oder von woanders stammt, ist heute fast vergessen. Unser Foto zeigt spielende Kinder vor einem Wohnblock um 1957. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Verkehrsverein 943

Der gelungene Integrationsprozess im Südwesten spiegelt sich auch im Wandel der Identitäten wider. Wer oder was sind diejenigen heute, die vor Jahrzehnten noch als “Vertriebene”, “Neubürger”, “Flüchtlinge” oder “Alteingesessene” galten - teils, weil sie sich selbst so nannten, teils, weil andere sie so bezeichneten? Als richtiger Weg zu einer neuen, gemeinsamen Identität erwiesen sich Wohnbauprojekte wie die Karlsruher Waldstadt, die bewusst Menschen verschiedenster Herkunft mischten. Dort bezeichneten sich die Bewohner schon Mitte der 60er Jahre selbstbewusst als “Waldstädter”. Und heute ist fast in Vergessenheit geraten, wer einmal woher kam.

Vertreibung und Integration bleiben aktuell

Neuanfang im Südwesten: Die Familie Al Khoshaba aus dem Irak | Foto: Wilhelm Mierendorf

Die Ausstellung greift noch weiter: Zwar ist das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge als solches einzigartig, aber Vertreibung und Integration bleiben aktuell. Zur Zeit halten sich rund 66 000 Flüchtlinge aus aller Welt in Baden-Württemberg auf. Fünf beispielhafte Biographien zeigen wie Flüchtlinge und ihre Familien in neuerer Zeit kriegs- und krisenbedingt aus ihrer Heimat vertrieben wurden und heute im Südwesten leben. Sie stammen aus Bosnien, dem Irak, dem Sudan, aus Vietnam und Kambodscha und bauen sich nach ihrer Anerkennung als Flüchtlinge hier eine neue Existenz auf.

Veranstalter: Die Große Landesausstellung "Ihr und Wir. Integration der Heimatvertreibenen in Baden-Württemberg" ist eine Kooperation vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart mit dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde (IDGL) in Tübingen.
Ausstellungsdauer: vom 13. November 2009 bis 22. August 2010
Ausstellungsort:
Haus der Geschichte, Untergeschoss und Galerieraum
Extras:
Ein umfangreiches Begleitprogramm, ein Katalog sowie Arbeitsmaterial für Lehrer