»Liebe Deinen Nachbarn«

Badisch-württembergisch-französisch-schweizerische Beziehungsgeschichten

Kinderheimaten

Die sechsjährige Beate mit ihrer Gastfamilie in Zürich 1948 Foto: privat

"Etwas kann aber von der Zollstelle nicht kontrolliert werden, das sind die unzähligen Tonnen Fett, welche die Kinder an ihrem eigenen Leib mitnehmen", stellte Mathilde Paravicini 1942 nach der Rückkehr Tausender französischer Kinder von einem mehrwöchigen Schweizaufenthalt befriedigt fest. Die Aufnahme kriegsgeschädigter Kinder bei Schweizer Pflegefamilien oder in Kinderheimen hat eine lange Tradition, die noch in den Ersten Weltkrieg zurückreicht. Nach einigem Zögern öffnete sich die Schweiz nach 1945 auch deutschen Kindern. Sie konnten ja nichts für den Krieg. Über 100.000 Schweizer Familien nahmen ein Pflegekind aus Europa bei sich auf. "Das Beste war, dass die Schweizer Tante dem schüchternen dütschen Maidli eine Ahnung von der Kraft eines verlässlichen Ortes schenkte. Hier war alles heil!" erinnert sich ein Stuttgarter "Schweizer Kind" immer noch dankbar.

Brüder ohne Worte

Als sich die Brüder Francis und Rudi zum ersten Mal in die Arme fielen, konnten sie kaum miteinander reden - Rudi sprach kein Französisch, Francis kein Deutsch. Fast 60 Jahre lang hatten sie nicht voneinander gewusst. Francis ist Franzose, Rudi Baden-Württemberger, doch sie haben den gleichen Vater. Im Zweiten Weltkrieg war er als deutscher Besatzer in Frankreich und verliebte sich in die schöne Georgette. Aus dieser Beziehung entstand Francis. Sein Vater verließ die Familie jedoch kurz nach Francis` Geburt und ließ nie wieder von sich hören. Francis wuchs als eines von ungefähr 200.000 "Kindern der Schande" in Frankreich auf, wie die Nachkommen von deutschen Soldaten genannt wurden. Lange verschwieg er seine Herkunft, um der Verachtung seiner Umwelt zu entgehen, aber das Verlangen, seine Wurzeln ausfindig zu machen, ließ ihn nie los. Erst mit 62 Jahren gelang es ihm: Der Vater lebte zwar nicht mehr, aber in seinem Bruder Rudi gewann Francis eine "deutsche Familie" hinzu.

Sturz ins Glück

Jérémie Risler und Pyrminia Pyhrr, um 1838 Foto: privat

Im Frühjahr 1838 machte sich Jérémie Risler, Sohn des Fabrikbesitzers Mathieu Risler aus Cernay, daran, eine Filiale der Baumwollkratzenfabrik in Freiburg aufzubauen. Auf einem Ausritt mit dem Hotelier Franz Xaver Pyhrr stürzte Risler unglücklich vom Pferd. Pyhrr fühlte sich schuldig und besuchte den Verletzten täglich, zusammen mit seiner Tochter Pyrminia. Die beiden verliebten sich ineinander, und schon im Mai 1838 wurde Verlobung gefeiert. Risler heiratete so in eine der angesehensten Freiburger Familien ein. 1847 gründete er eine rasch expandierende Porzellanknopffabrik, die bald zu den größten Arbeitgebern der Stadt zählte. Jeremias (wie er sich nun nannte) Risler wurde Präsident der Handelskammer und Stadtverordneter, in der Villa Risler traf sich die feine Gesellschaft. Noch heute zeugen die "Knopfhäusle" in Freiburg, die Risler nach dem Vorbild der "Cité ouvrière" in Mulhouse errichten ließ, von dem paternalistisch-sozialen Engagement des Fabrikantenpaars.