"Dagegen leben? -
Der Bauzaun und Stuttgart 21"

Ausstellung vom 16. Dezember 2011 bis zum 1. April 2012

Blick in die Ausstellung. Die Ausstellungsgestaltung stammt von Hans Dieter Schaal. | Fotos: Haus der Geschichte/Agentur Kraufmann

Es ist Neuland für ein historisch-politisches Museum: Noch während die Auseinandersetzung um Stuttgart 21 läuft, versucht das Haus der Geschichte Baden-Württemberg eine erste beispielhafte Bestandsaufnahme dieses Konfliktes, der die politische Kultur im Land erschüttert und vielleicht sogar verändert hat. „Dagegen leben? – Der Bauzaun und Stuttgart 21“ ist vom 16. Dezember 2011 bis zum 1. April 2012 im Sonderausstellungsraum des Hauses der Geschichte zu sehen.

Ein Teil des Bauzaunes in der Ausstellung

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht der Bauzaun, der im Sommer 2010 zum Abriss des Nordflügels am Stuttgarter Hauptbahnhof aufgestellt worden war. Rasch vereinnahmten vor allem die Gegner des Projekts den Zaun für ihre Zwecke: Sie bepflasterten ihn mit Kollagen, Versen, Forderungen und Schmähungen und machten daraus ein vielfältiges Dokument des Protestes. Das Absperrinstrument, das die Baustelle sichern sollte, ist so zu einem Symbol für die gestörte politische Kommunikation geworden.

Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger an einem Bauzaunelement

„Der Bauzaun am Stuttgarter Bahnhof hat Landesgeschichte geschrieben und ist daher ein herausragendes Exponat“, sagt Ausstellungsleiterin Dr. Paula Lutum-Lenger.  Mit Hilfe dieses riesigen Objektes – gut 80 Meter des Zaunes werden in der Ausstellung gezeigt – nähern sich die Ausstellungsmacher dem Phänomen Stuttgart 21. Diese Fragen stehen im Mittelpunkt: Wer äußert sich da kritisch? Welches sind die Themen und Argumente? Wie setzen sich die Gegner mit den Mächtigen, die für Stuttgart 21 stehen, auseinander? Welche Wirkung entfaltet die geballte Kritik?

"Geschichte, die noch qualmt"

Die Ausstellungskuratoren Johannes Häußler und Sarah Stewart mit einem Bauzaunelement in der Werkstatt des Hauses der Geschichte

Die US-Historikerin Barbara Tuchman hat in einem Essay einmal folgende zentrale Frage aufgeworfen und geklärt: "Sollte - oder vielleicht auch kann - man über Geschichte schon schreiben, während sie noch qualmt?" Sie kommt nach reiflicher Überlegung zu einer einfachen Lösung: Nicht allein der zeitliche Abstand entscheide über die Qualität der Geschichtsschreibung. Aufgabe des Historikers sei es, "anhand der Tatsachen diszipliniert zu erzählen, was sich zugetragen hat". Dabei sei es seiner "erste Pflicht", sich an die Quellen zu halten.

Objekte am Bauzaun

Genau dies versucht das Haus der Geschichte. Die Ausstellungsmacher ergreifen im Streit um das Großprojekt keine Partei. Im Gegenteil: Sie wollen mit ihren Mitteln dazu beitragen, die Hintergründe und Besonderheiten dieses Konfliktes etwas auszuleuchten. Dafür studieren und analysieren sie als Historiker intensiv die Quellen - in diesem Fall sind das die 2506 Hinterlassenschaften am Bauzaun. 450 dieser Teilobjekte haben die Wissenschaftler ausgewählt, um sie näher zu beschreiben und zu erklären. Im Idealfall ergibt sich daraus "eine erste Schneise", wie die Ausstellungsleiterin es nennt, um das Dickicht dieses Konfliktes zu durchdringen.