Auftrag:
Die Geschichte des Südwestens erzählen

Im Jubiläumsjahr des Landes feiert auch das Haus der Geschichte Baden-Württemberg - seinen 25. Geburtstag

Hessen kann sich vorerst kein Haus der Geschichte leisten, NRW hätte liebend gerne eines, und eine dauerhafte Heimstatt für das Haus der Bayerischen Geschichte soll erst noch entstehen - bis 2018 in Regenburg. Da hat der Südwesten mit dem "Haus der Geschichte Baden-Württemberg" in Stuttgart die Nase vorn: Es feiert parallel zum Landesjubiläum seinen 25. Geburtstag und ist mit seiner Dauerausstellung bereits seit zehn Jahren im Neubau an der Konrad-Adenauer-Straße bestens untergebracht.

Jede Schülerin, jeder Schüler im Land sollte mindestens einmal das Haus der Geschichte Baden-Württemberg besucht haben. Diesen Anspruch hat der ehemalige Ministerpräsident Erwin Teufel formuliert. Er war es auch, der die Gründung des Hauses im Jahr 1987 anregte und schließlich den Bau des Gebäudes an der Kulturmeile durchsetzte. Bis dahin gab es das Badische Landesmuseum und das Landesmuseum Württemberg, aber keine Einrichtung, die ausdrücklich für die Geschichte des gesamten Südwestens zuständig war. Und so heißt die am 13. Dezember 2002 eröffnete Dauerausstellung des Hauses der Geschichte schlicht, aber programmatisch eindeutig: "Landesgeschichten. Der deutsche Südwesten von 1790 bis heute".

Zwar bedarf es noch harter Arbeit, um Erwin Teufels Wunsch eins zu eins in die Tat umzusetzen, aber zahlreiche Klassen erleben irgendwann einige spannende Stunden im Haus der Geschichte, geführt von einem der kundigen Geschichtsvermittler oder indem sie selbst aktiv werden bei einem der vielen themenbezogenen Workshops, wie sie die Museumspädagogik des Hauses zum Beispiel für Sonderausstellungen anbietet. Der Anteil der Besucher im Haus der Geschichte unter 18 Jahren umfasst nicht zuletzt deswegen rund 40 Prozent. Die Art und Weise, wie 200 Jahre südwestdeutscher Geschichte den Besuchern nahe gebracht werden, sorgt dafür, dass sich weder die Jugend noch sonst jemand langweilen muss.

Der Ansatz des Hauses der Geschichte: Die Vergangenheit ist keineswegs nur ein Haufen von Jahreszahlen und Namen. Es geht dabei um die Menschen hinter den Daten und Fakten. Mit durchweg originalen Ausstellungsstücken erzählt die Dauerausstellung von Liebe und Hass, von Macht und Ohnmacht, von Sieg und Niederlage. Kurze Texte, Filme, Info-Stationen und zahlreiche Fotos vermitteln viel Wissenswertes über das Land insgesamt, die Regionen und die Landeshauptstadt Stuttgart.

Der leuchtende Flickenteppich

Architektur und Inszenierung gehen im Haus der Geschichte eine enge Verbindung ein. Das zeigt sich gleich im Foyer. Dort betritt man im wahrsten Sinne des Wortes die wechselvolle Geschichte des Südwestens: Eine riesige, interaktive Fußbodenkarte, die unter den Füßen der Besucher zu leuchten beginnt, zeigt den Flickenteppich des Südwestens um 1790.

Napoleon war es, der damals mit seiner raumgreifenden Bündnispolitik dieser Kleinstaaterei ein Ende bereitete. Viele kleine Herrschaften gingen 1806 zusammen mit dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation unter, im Museum durch eine Projektion an beiden Seiten der Freitreppe zum ersten Stockwerk dargestellt: Ihre Namen verschwinden links und rechts im Off der Geschichte. Dieselbe Projektion weist den Weg der Hauptprofiteure dieser Neuordnung die Treppe hinauf - direkt hin zum Platz hinter dem mächtigen Napoleon, symbolisiert durch eine Bronzebüste des Kaisers. Nutznießer von Napoleons Gnaden waren im Südwesten vor allem Württemberg und Baden, beide stiegen zu bedeutenden Mittelstaaten auf. Während Herzog Friedrich fortan als König Friedrich I. herrschen durfte, mauserte sich der vormalige Markgraf Karl Friedrich von Baden zum Großherzog. Beide sind in zeitgenössischen Ölgemälden zu bestaunen.


Der Preis für diesen Zuwachs an Macht und Prestige war hoch – zahlen mussten ihn allerdings wie so oft die einfachen Untertanen. Denn als Napoleon seinen Feldzug gegen Russland wagte, marschierten württembergische und badische Kontingente mit. Gerade einmal 1000 der mehr als 15 000 Württemberger kehrten von diesem größenwahnsinnigen Unternehmen zurück, bei den rund 7000 Badenern waren es nur zwischen 100 und 200. Ein großes Gemälde hoch über der bronzenen Büste Napoleons zeigt den wenig heroischen Rückzug des badischen Korps im Heer Napoleons über die eisige Beresina im November 1812: Tod und Elend statt Sieg und Ruhm.

Objekte müssen „etwas können“

„Was kann dieses Objekt?“ Das ist immer die erste Frage, die sich die Ausstellungsmacher stellen, wenn sie auf einen interessanten Gegenstand aus vergangenen Zeiten stoßen. Das Haus der Geschichte arbeitet nur mit „authentischen Objekten“, also den Originalen. Und die müssen, wie gesagt, „etwas können“, somit eine Geschichte erzählen. Ein besonders beeindruckendes Beispiel ist die Glocke des Dußlinger Amtsboten Möck aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges. Gerade noch hatte Möck Durchhalteparolen des NS-Regimes verkündet, als ein alliierter Jagdflieger auftauchte und den Amtsboten samt Dienstglocke durchlöcherte. Wer die vom großkalibrigen Bord-MG durchschlagene Glocke sieht, begreift viel über die Wucht des Krieges und seine unzähligen, oft geradezu grotesk dramatischen Momente.

Rund 35 Ausstellungen hat das Team des Hauses der Geschichte in der Landeshauptstadt, aber auch an zahlreichen anderen Orten im Land bis heute auf die Beine gestellt – das sind neben der Dauerausstellung vor allem Sonderausstellungen zu einer breiten Palette von Themen: die Ausstellung „Mythos Rommel“ über den bekanntesten deutschen General des Zweiten Weltkrieges, bereits zwei Schauen zum Fußball im Südwesten oder die Ausstellung „Ihr und Wir“ zur Integration der Heimatvertriebenen in Baden-Württemberg.

Dazu werden die Wissenschaftler und Gestalter immer wieder als Dienstleister aktiv: So sind bereits sechs dezentrale Dauerausstellungen entstanden, darunter die Erinnerungsstätte Matthias Erzberger in Münsingen-Buttenhausen oder das Museum „Hohenasperg – Ein deutsches Gefängnis“. Die vom Haus der Geschichte eingerichtete und betriebene Stauffenberg-Erinnerungsstätte im Archivbau des Alten Schlosses widmet sich den Brüdern Claus und Berthold von Stauffenberg und ihrem mutigen Widerstand gegen Hitler.

Was geht uns das heute an?

Leitfragen für die Themenfindung sind immer wieder diese: Hat das eine Bedeutung für die Menschen von heute? Und wenn ja, welche? Nur wenn diese Fragen positiv zu beantworten sind, bereiten die Geschichtsexperten ein Thema für eine Ausstellung auf, und zwar immer unter einem möglichst überraschenden Blickwinkel.

Dass auch aktuelle gesellschaftliche Debatten, die keineswegs abgeschlossen sind, einen Anlass für ein Ausstellungsprojekt liefern können, versteht sich für ein historisch-politisches Museum von selbst: So hat das Haus der Geschichte das Thema „Stuttgart 21“ aufgenommen, indem es den Bauzaun vom Nordflügel des Hauptbahnhofs ausstellte – als wirkmächtiges Symbol des Protests gegen das Großprojekt und als Zeichen für die als gestört empfundene politische Kommunikation im Land. „Geschichte, die noch qualmt“, hat die US-Historikerin Barbara Tuchman die Beschäftigung mit solch aktuellen Ereignissen genannt. Und der große Besucherzustrom im Haus der Geschichte zeigte, dass die Menschen davon angezogen werden.

Das Jubiläumspaket

Im Jubiläumsjahr hat sich das Haus der Geschichte viel vorgenommen: Die Dauerausstellung wird auch 2012 weiterentwickelt: Ab dem Sommer ist die komplett überarbeitete Abteilung "Religionen" zu sehen. Neben der Bauzaunausstellung "Dagegen leben?" (bis 1. April) gibt es noch drei weitere Schauen: Bis zum 29. April läuft "Hannes Kilian - Fotografien" im Kunstgebäude am Schlossplatz. Vom 28. April bis zum 30. September 2012 ist im Freiburger Augustinermuseum die vom Haus der Geschichte gestaltete Große Landesausstellung "Liebe Deinen Nachbarn - Beziehungsgeschichten im Dreiländereck" zu sehen, die offizielle Schau zum 60. Landesjubiläum. In seinem Museumsbau in Stuttgart zeigt das Haus vom 9. Mai 2012 bis zum 31. März 2013 die Sonderausstellung "Anständig gehandelt - Widerstand und Volksgemeinschaft 1933-1945".

Der neue Mediaguide

Ab Ende April gibt es im Haus der Geschichte einen neuen Mediaguide. Er ist ein kleines Wunderwerk aus modernster Technik und liebevoll aufbereiteten Inhalten und bietet viel mehr als eine klassische Hörführung: Der Mediaguide liefert - auch fremdsprachigen - Besuchern aller Alterklassen umfangreiche zusätzliche Informationen in Film, Ton und Bild zu den Exponaten und zur Inszenierung. Mit ihm können die Besucher also auch hinter die Kulissen des Museums blicken.

Haus der Geschichte Baden-Württemberg
Konrad-Adenauer-Straße 16
70173 Stuttgart
Besucherdienst: 0711 . 212.39.89
besucherdienst(at)hdgbw.de