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Haus der Geschichte
Baden-Württemberg
Konrad-Adenauer-Straße 16
D-70173 Stuttgart

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Pressemitteilung von 24.01.2024

„Jüdische Beziehungsgeschichten“ – In einer Stadt verwoben

Laupheim (hdgbw) – Eine deutschlandweit einzigartige Dauerausstellung hat nun im Museum zur Geschichte von Christen und Juden in Laupheim geöffnet: „Jüdische Beziehungsgeschichten“ erzählt vom jahrhundertelangen gemeinsamen Weg von Minderheit und Mehrheit in einer Stadtgesellschaft. Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg hat für die vom Bund geförderte „national bedeutende Kultureinrichtung“ der Stadt Laupheim ein innovatives Konzept entwickelt und umgesetzt.

„Die Ausstellung erzählt die Geschichte der jüdischen Bevölkerung nicht als Sondergeschichte, sondern als integralen Bestandteil der allgemeinen Geschichte“, sagte Prof. Dr. Paula Lutum-Lenger, die Direktorin des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg, am 24. Januar beim Eröffnungsmediengespräch in Laupheim. „Damit ist das Museum zur Geschichte von Christen und Juden in Laupheim ein deutschlandweit bedeutsamer Lern- und Erinnerungsort.“

Oberbürgermeister Ingo Bergmann freut sich über die neue Dauerausstellung: „In Laupheim sind über die Jahrhunderte die christliche Mehrheit und die jüdische Minderheit zu einer überaus erfolgreichen Stadtgesellschaft zusammengewachsen. Die neue Dauerausstellung schafft es, diese beispiellose Beziehungsgeschichte aufzufächern und dabei die gemeinsamen Errungenschaften, doch genauso das überaus bittere Ende dieser Beziehung aufzuzeigen.“

In der oberschwäbischen Stadt war einst die größte jüdische Gemeinde Württembergs beheimatet. 2024 werden „300 Jahre jüdisches Leben in Laupheim“ gefeiert. „Jüdische Beziehungsgeschichten“ zeigt, wo sich Zusammenwachsen, Freundschaft und Liebe entwickelten und wo Trennlinien verliefen, Ab- und Ausgrenzung herrschten. Auch Antisemitismus prägte diese gemeinsame Geschichte und beendete sie schließlich: Der Nationalsozialismus zerstörte die lange gewachsene christlich-jüdische Stadtgesellschaft komplett. Die Ausstellung greift diese wechselvolle Geschichte nicht allein anhand historischer Geschehnisse auf, sondern spannt in einer beeindruckenden Inszenierung des Berliner Büros Chezweitz ein reiches Beziehungsgeflecht durch das Museum bis ins Jetzt und Heute.

„Die Themen unserer Ausstellung sind aktueller denn je: etwa die Frage nach den Bedingungen von Zugehörigkeit und Teilhabe oder nach der Ausgrenzung von Minderheiten, dem Hass auf das Fremde. Das Museum bietet dazu vielfältige Anknüpfungspunkte für Gespräche über die Gegenwart“, sagte die Projektleiterin und Kuratorin der Ausstellung Dr. Cornelia Hecht-Zeiler vom Haus der Geschichte.

„Jüdische Beziehungsgeschichten zeigt, wie eng das Miteinander in Laupheim lange Zeit war. Von 1867 bis 1933 gab es jüdische Vertreter im Gemeinderat. Gemeinderäte wie Louis Löwenthal oder Jakob Adler genossen hohe Wertschätzung in der ganzen Stadt. Nach langen Widerständen war der Anteil von Juden im Gemeinderat höher als ihr Bevölkerungsanteil. Der katholische Kapellmeister Reinhold Spaeter spielte beim Gottesdienst in der Synagoge Orgel und komponierte eine musikalische Fassung des jüdischen Gebets Keduscha. Bei der Hochwasserkatastrophe 1926 und beim Turnhallenbau ein Jahr später gab es in Sachen Hilfs- und Spendenbereitschaft keine Unterschiede. Auch kleine, private Geschichten erzählt die Ausstellung – etwa von den Freundinnen Marianne und Clärle, die sich kostümiert fotografieren ließen. Fasching und das Purimfest liegen zeitlich nah beieinander. Und es gehört zu beiden Anlässen, sich zu verkleiden.

„Eine jüdische Beziehungs- und Lokalgeschichte sinnlich erfahrbar in Szene zu setzen und dabei auf ungewöhnliche neue Lösungen zu kommen, war für uns ein großes Anliegen“, sagte Szenograf Detlef Weitz. „Gerade der kleinstädtische Kontext, das persönliche Bekanntsein mit den Namen, Adressen und Orten in Laupheim machen diese Ausstellung zu einer beispielgebenden, was ,Beziehungsgeschichte‘ konkret bedeutet.“ So ziehen sich Fäden durch die Räume des Schlosses, verweben sich zu Bändern und Stoffen, ribbeln auf, reißen schließlich und werden aber auch wieder aufgenommen. Die textilen Bänder, Flächen und Wände enden mit dem Brand der Synagoge in der bedrückenden Leere eines weißen Archivraums, an den sich eine neue Inszenierung zu einer neuen, anderen Beziehungsgeschichte nach 1945 anschließt.

Bereits im Schlosshof beginnt die Auseinandersetzung mit dem Thema: Auf einem Graffiti-Kunstwerk des Laupheimers Philip Walch überspringt die legendäre, zur Emigration gezwungene Hochspringerin Gretel Bergmann die eigens dafür errichtete Wand. Dazu kann online eine Graphic Novel der Dualen Hochschule Ravensburg abgerufen werden.

Eine multimediale App bietet zusätzliche Hintergründe zu zentralen Objekten der neuen Dauerausstellung und führt in die Stadt an Originalschauplätze wie das Geburtshaus des späteren Hollywood-Gründers Carl Laemmle, den jüdischen Friedhof oder das einstige Kaufhaus Einstein: Wo spielten sich die alltäglichen und besonderen Beziehungsgeschichten der jüdischen und christlichen Bevölkerung Laupheims ab? Welche Erinnerungen, welche Bilder sind erhalten? Wer waren die prägenden Persönlichkeiten? Der Audioguide für das Museum ist kostenfrei abrufbar in deutscher und englischer Sprache.

Museumsleiter Dr. Michael Niemetz blickt auf die kommenden Veranstaltungen im und zum Museum: „Die neue Dauerausstellung wird – passend zum Jubiläum – durch ein umfangreiches und vielfältiges Rahmenprogramm ergänzt. Es umfasst verschiedenste Führungen, Projekte, Workshops, Exkursionen und Filmabende.“

Die Stadt Laupheim hat das Projekt mit Unterstützung aus dem Bundes-Förderprogramm „Investitionen für nationale Kultureinrichtungen in Deutschland“ der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie Zuschüssen der Kreissparkasse Biberach, der Laupheimer Bürgerstiftung und des Freundeskreises des Museums zur Geschichte von Christen und Juden finanziert. Claudia Roth, die Staatsministerin für Kultur und Medien, begründet die Bundesförderung in einer Videobotschaft: Die neue Dauerausstellung in Laupheim liefere „einen wichtigen Beitrag für Wissensvermittlung und aktuelle Diskurse. Sie ist nicht nur kulturpolitisch, sondern auch gesellschaftspolitisch auf der Höhe der Zeit.“ Das Thema sei hochaktuell – „vor allem in Zeiten wie diesen, in denen der Antisemitismus im Land und weltweit wieder wächst, in Zeiten, in denen Hass und Gewalt, stereotype Verschwörungsmythen und widersprüchliche Zuschreibungen wieder zu Tage treten“.

Das Museum zur Geschichte von Christen und Juden im Schloss Großlaupheim hat dienstags bis sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5, ermäßigt 4 Euro. Für Jugendliche unter 18 Jahren und Schüler*innen ist der Eintritt frei.
Internet: www.museum-laupheim.de